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Wassilissa - Eine Deutung
Ralf am 06.08.2007 14:35:18


«Die wunderschöne Wassilissa» ist eines der schönsten russischen Märchen. Wir tauchen in die Sphäre eines Volksgeistes ein, der uns Deutschen fremd ist. Wenn wir Märchen eines anderen Volkes näher kennenlernen, müssen wir uns mit den Eigenarten desselben vertraut machen.

Ich möchte schildern, wie es mir ergangen ist: Ich brauchte einen viel längeren Atem, um die andersartigen Märchenbilder aufzunehmen. Meine Freude begann zu wachsen an den sich immer wiederholenden Formeln wie z. B.: «Das Märchen ist schnell erzählt, aber die Tat nicht so schnell getan. — Reite durch die dreimal neun Länder in das dreimal zehnte Land. — Reitest du nach rechts, wirst du satt, aber dein Pferd bleibt hungrig; reitest du nach links, bleibst du hungrig, aber dein Pferd wird satt; reitest du geradeaus, erwartet dich der sichere Tod. - Fliehst du die Tat oder suchst du die Tat? - Du solltest mich vorher essen und trinken lassen und mich erst dann ausfragen» - u.v.a.m.

Solche Formeln sind uns weniger bekannt; ebenfalls das streng-rhythmische Wiederholen. Die Brüder Grimm sagen dann lieber vor der zweiten oder dritten Wiederholung: «Es geschah ebenso wie das vorige Mal.» Wir lernen bei russischen Märchen, mehr Zeit zu haben und ruhiger zu werden.

Die Handlungen sind voll spannender Dramatik; wir werden innerlich mehr beteiligt. Die Gestalten und Helden zeigen ungeheure Kraft, so daß uns manchmal «das Herz stehenbleibt». Wir Deutschen sind von Märchen mehr das Gemüthafte gewohnt.

Von der Struktur des Märchens


Ertasten wir, wie dieses Märchen komponiert ist. Die Hauptperson des Märchens wird durch vier Häuser geführt, ehe sie zuletzt in einem Königsschloß wohnen darf. In jedem Haus warten auf sie Prüfungen oder Arbeiten. Es ist das Schicksal der Wassilissa, nirgends lange Zeit sich zu Hause fühlen zu dürfen. Die Handlung durchläuft alle vier Jahreszeiten. Die Personen:

1. Vater - 5. Stiefmutter - 9. Weißer Reiter
2. Mutter - 6. Stiefschwester - 10. Roter Reiter
3. Wassilissa - 7. Stiefschwester - 11. Schwarzer Reiter - 13. König
4. Puppe - 8. Baba Jaga - 12. Die Alte

Wenn ich die handelnden Personen und Gestalten so zusammenstelle, ergeben sich daraus Hinweise, dass jeweils den drei hervorgehobenen Personen wesentliche Aufgaben zufallen. Die Puppe ist das Abschiedsgeschenk der sterbenden Mutter. Die schwere Prüfungszeit im Haus der Baba Jaga kann die Kaufmannstochter nur bestehen, wenn sie die Ratschläge der Puppe befolgt. Nach dem Tod der Stiefmutter und deren Töchter faßt Wassilissa erstmals einen eigenen Entschluß und geht in die Stadt. Sie fragt eine Alte, ob sie bei ihr wohnen dürfe. Bald leben beide so zufrieden miteinander, daß die Unbekannte Wassilissas Pflegemutter wird. Diese bereitet alles vor, damit Wassilissa dem König begegnen darf.

Die Aufgaben der Puppe


Wassilissa zählte acht Jahre, als die sterbende Mutter sie vor ihrem Tod segnete, ihr eine Puppe schenkte und sprach: «... bewahre sie immer bei dir, zeige sie niemandem. Wenn dir einmal Kummer und Leid widerfahren, gib der Puppe zu essen, und dann frage sie um Rat.» Mit der Puppe erhält das Mädchen etwas, was sie wesenhaft mit der verstorbenen Mutter verbindet. Wenn sie der Puppe zu essen gibt und sie um Rat fragen darf, ist die verstorbene Mutter anwesend. Wir erleben in dem Märchen, wie zwischen einem lebenden und einem toten Menschen eine ganz intime Verbindung gepflegt werden kann; ja, manchmal gewinnen wir den Eindruck, als ob die Seelen-Gespräche zwischen beiden so ungestört und intim stattfinden, wie es unter Lebenden oft gar nicht sein kann.

Wie sollen wir es verstehen, daß sie der Puppe immer zuerst etwas zu essen geben soll ? Mit dem Nachsatz wird die Bedingung unterstrichen: «Die Puppe wird erst essen und dir dann sagen, wie du dem Unglück wehren kannst.» Es wird also Wert darauf gelegt, daß beide zuerst miteinander essen, ehe die Puppe einen Ratschlag gibt. Später hören wir auch, daß Wassilissa ihr «die besten Bissen» vorlegt.

In slawischen und südeuropäischen Ländern spielt die Gastfreundschaft eine viel wichtigere Rolle. Für die Menschen bedeutet das gemeinsame Essen und das Teilen des Brotes ein Sich-dem-anderen-Mitteilen. Einer gibt dem anderen auch innerlich etwas von sich ab mit dem Wunsch, daß sich zwischen ihnen etwas verändern und verwandeln möge. Denn auch alle Nahrung wird vollständig verwandelt, wenn sie von uns gegessen, verdaut und in Menschenblut umgesetzt wird.

Weil die Tochter den Ratschlag ihrer sterbenden Mutter so gut befolgt, entsteht ein inniges Vertrauen zu der Puppe, die den Segen der Verstorbenen weitergibt. Das Segnen der Mutter hört nicht auf und begleitet Wassilissas Lebenswege. Ständig bauen die beiden an einer Brücke von der irdischen zur nachtodlichen Welt und umgekehrt.

Wir können das Bild noch erweitern, indem wir das Wort «Puppe» näher betrachten: Ehe ein Schmetterling entstehen kann, spinnt sich die gefräßige Raupe in eine Puppe ein. Danach muß die Erdenschwere der Raupe überwunden werden, damit ein farbgeborener, beflügelter Schmetterling auferstehen und sich flatternd in die Lüfte schwingen kann. Doch in dem Zwischenzustand «Puppe» bleibt das Wesen vorher monatelang gefesselt, wie in einem Gefängnis. Aus dem Erdentier Raupe muß sich das Luftwesen entpuppen und befreien: ein Wahrbild für die Seele nach dem Tod, wenn sie den Leib verläßt.

Denken wir noch an das typisch russische Spielzeug: die fünf ineinandergeschachtelten Holzpuppen. Ein Bild für den Hüllen-Menschen: Bei jeder Enthüllung freuen sich die Kinder noch mehr, und zum Schluß tritt als kleinste Puppe der innere Mensch hervor. Das ist kein fertiges Spielzeug, sondern die Kinder müssen etwas dazutun, bis sie zum Kern - von sich selbst - vordringen.

Im Märchen muß der Zustand «Puppe» überwunden werden. Deshalb hören wir nichts mehr von ihr, nachdem sie den Webstuhl gebaut hat. Das Mädchen steht dann auf eigenen Füßen.

Als der Vater eine neue Frau genommen hat, beginnt für Wassilissa ein hartes, freudloses Leben, wie wir es aus vielen Aschenputtel-Märchen kennen. Mit jedem Tag steigern sich die Bosheiten der Stiefmutter und ihrer beiden Töchter, und für Wassilissa wird das Leben zur Hölle. Obwohl sie immer härtere Arbeiten aufgebürdet erhält, wird sie von Tag zu Tag schöner und die Stieftöchter vor Bosheit immer häßlicher.

Das Märchen erzählt uns, daß die Arbeiten während der Nächte von der Puppe getan werden und Wassilissa ruhig schlafen darf. Ehe sie einschläft, schließt sie sich in ihre Kammer ein und hält im Gebet mit ihrer Mutter Zwiesprache. So dringt ihr Kummer zur verstorbenen Mutter. Diese schickt über die Puppe Hilfen, damit sich die Sorgen in Zuversicht wandeln mögen.

Die Gebete sind die Voraussetzungen dafür, daß nicht nur die Arbeiten getan sind, sondern an dem Mädchen selber Verwandlungen vor sich gehen: Sie wird von Tag zu Tag schöner. Wir bekommen auch eine Angabe, wie ein frommes Gemüt zu beten hat: «Lehre mich, wie soll ich mich verhalten?» Sie muß daran arbeiten, wie sie sich zu den bösen Stiefleuten verhalten soll. Von ihrer Trösterin wird sie den Rat bekommen haben: Laß in deinem Herzen keinen Haß aufkommen gegen die, die dich demütigen und quälen. Verzeihe, bevor du einschläfst, und trage ihnen nichts nach. Dann wird deine Seele immer reiner und strahlender werden. Übergib deinem Engel vor dem Einschlafen deine Gaben: Ich will Lichtes denken, Wahres fühlen und mit immer mehr Güte handeln.

Ist es nicht eigenartig: In keinem Aschenputtel-Märchen wird geschildert, daß ein geplagtes Stiefkind seinen Vater bittet, er möge es aus seiner Notlage befreien. Das wäre ein Gedanke aus unserer Alltagswelt. Das will ein Märchen nicht schildern. Wir befinden uns auf einer «höheren Ebene» - im Seelenland, wo durch derartige Prüfungen der innere Mensch ausreifen soll. In unserem Märchen kommt es sogar genau entgegengesetzt: Der Vater geht für längere Zeit auf Reisen, und die Leiden für die Tochter steigern sich noch. Die Böse verläßt Wassilissas Elternhaus und bezieht ein neues - nahe an einem gefährlichen Wald gelegen. Der Umzug geschieht in der Absicht, Wassilissa zu verderben. Sie soll der im Wald lebenden Baba Jaga ins Fangnetz laufen.

Der Schauplatz verändert sich und mit ihm auch die Zeit; denn der Herbst mit seinen gewaltigen Stürmen beginnt, und Kälte zieht über das Land.

Bedrückendes Leben im Haus der Stiefmutter


Alles, was wir in diesem zweiten Haus hören, entspricht einer seelischen Herbst-Stimmung: Seelen-Finsternisse müssen von Wassilissa ertragen werden. Der Lauf durch die vier Jahreszeiten wird von uns so empfunden, daß sich u.a. die Licht- und Wärme-Verhältnisse verändern. Bei beginnendem Frühling nehmen Licht und Wärme zu und erreichen im Hochsommer zu Johanni einen Höhepunkt. Dann neigt sich alles dem Dunkel- und Kälterwerden zu bis zur Weihnachtszeit. In böser Absicht verlöscht im Haus das Licht, und die Stief-Schwestern schicken Wassilissa fort, bei der gefürchteten Baba Jaga Licht zu holen.

Wassilissa ging in ihre Kammer, setzte ihrer Puppe die besten Bissen vor und sagte: «Hier, Puppe, iß und hör mein Klagen ...» Die Puppe aß, und ihre Augen begannen zu leuchten wie zwei Sterne. «Hab keine Angst, geh, wohin sie dich schicken, nur nimm mich immer mit! Wenn ich bei dir bin, wird dir nichts geschehen».»

Mit den gleichen Worten könnte unser Schutzengel zu uns sprechen, denn er ist bei uns, auch wenn wir es kaum bemerken und heute für seine Worte taub geworden sind.

Wassilissa findet Kraft, ihre Angst zu überwinden. Sie bekreuzigt sich und macht sich auf den Weg in des Waldes Dickicht und Dunkel.

Können wir die Situation intensiv genug nachempfinden? Das ganze Haus ist plötzlich finster geworden. Wassilissa wird in den Wald geschickt, Licht zu holen. - Märchen kennen ein anderes Licht, welches wir nicht mit Augen sehen können: Es leuchtet aus dem Herzen von innen heraus. Immer wenn das Mädchen sich in seiner Kammer einschließt, ist das ein Bild für Andacht im Gebet und frommes Zusammensein mit der verstorbenen Mutter. In dem Zimmer entsteht eine ganz besondere Licht-Atmosphäre. Wenn das eine Zeitlang andauert, beginnen auch die Augen der Puppe zu leuchten wie zwei Sterne. Dieses Licht begleitet und schützt Wassilissa und spricht ihr Mut zu.

Bald wird sie zum Haus der Baba Jaga gelangen, dem dritten Haus. Hier wird sie Todeserlebnissen ausgesetzt.

Wer ist die Baba Jaga ?


In deutschen Übersetzungen wird sie oft als Hexe bezeichnet. Das ist sie keinesfalls. Hören wir zuerst eine Textstelle aus einem anderen Märchen (dtv-Klassik, Afanasjew, «Russische Volksmärchen», S. 386):

- Ein Recke kam an ein Häuschen, dicht am Rand eines dunklen Waldes. Das Haus stand auf Hühnerbeinen. Da rief er: «Häuschen, Häuschen! dreh dich mit dem Hintern zum Wald, mit der Tür zu mir.» Das Häuschen drehte sich, und der Recke trat ein. Drinnen saß die Babajaga: «Pfui, pfui! bislang habe ich keinen Russen gesehen; jetzt kommt einer leibhaftig und springt mir von selbst ins Maul. Was willst du, junger Recke, fliehst du die Tat oder suchst du die Tat ?» -

Das ist derber, russischer Volksmund und bezeichnet treffend das Wesen dieser bekannten Märchengestalt. Meistens tritt die Baba Jaga abschreckend den Menschen entgegen. Nur wer sich von ihrem groben Mundwerk nicht einschüchtern läßt, dem gibt sie zu essen oder bereitet ihm ein Bad. Aber auch dann ist noch Vorsicht geboten, denn sie kann hinterhältig sein und den Baderaum so gewaltig einheizen lassen, daß der Fremde ersticken soll. Nur selten zeigt sie sich hilfsbereit, gibt gute Ratschläge oder stellt ihr Roß zur Verfügung.

Was bedeutet es, daß ihr Haus auf dürren Hühnerbeinen steht und sich auf Geheiß drehen kann ? Das Bild sagt etwas aus über ihre Verkörperungsart. «Haus» ist Symbol für unseren Leib. Ein Haus verfügt über ein solides, in der Erde fest gegründetes Fundament. In gleicher Weise müssen sich Seele und Geist mit dem Leib gut genug verbinden, wenn der Mensch sich gesund fühlen will. Ihr fehlt die menschengemäße Einwohnung im Leib und der notwendige Bezug zur Erde. Wenn sie ihr Haus verläßt, läuft sie nicht, sondern schwebt in einem Mörser leicht über dem Boden hin und verwischt mit einem Besen hinter sich die Spuren. Ihre Füße meiden die Berührung mit der Erde. Der Mörser besitzt keine Räder, sondern sie treibt ihn mit einem Stößel an. Räder würden ja tiefe Furchen im Boden hinterlassen.

Wenn ein Fremder naht, dreht ihm das Haus - also ihr Leib - das Hinterteil zu. Sie ist abweisend und unberechenbar. Schnell dreht und wendet sie ihr Verhalten. Keiner weiß recht, was er von ihr zu erwarten hat.

Wir Menschen hinterlassen überall unsere Lebens-Spuren; nichts von dem, was wir denken, fühlen und tun, bleibt ohne Wirkungen. Die Babajaga löscht alle Tatenfolgen aus.

Sie ist eine lichtscheue und nicht ganz irdische Gestalt und steht den dunklen Mond-Wesen nahe. Um ihre Wohnstatt breitet sich ein Totenreich aus, angefüllt mit Menschenknochen aller Art. In manchen Märchen trägt sie auch den Beinamen: Babajaga vom steinernen Bein.

Drei Tage im Haus der Baba Jaga


Auf dem Weg zum Haus der Babajaga sprengen an Wassilissa drei Reiter vorüber: Zuerst ein weißer Reiter - da beginnt es zu dämmern; am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang ein roter Reiter und beim Anbruch der Nacht ein schwarzer Reiter. Sie zeigen drei der Tageszeiten an. Ein vierter Reiter, der den sonnenhellen Mittag darstellen könnte, tritt nicht in Erscheinung!

Als das furchtsame Mädchen bei Nacht anlangt, erstarrt es vor Entsetzen und steht wie angewurzelt da. Denn vom Zaun bis zum Türschloß ist alles aus Menschenknochen hergestellt. Hat die Böse schon so viele Menschen gefressen? Der Knochenzaun zeigt an: Hier endet das Reich des Lebens und beginnt ein Reich des Todes. Alles ist dazu angetan, das Gruseln zu lernen. Wie kann das fromme Mädchen hier drei Tage aushalten, ohne seelisch Schaden zu nehmen? Aber sie soll gerade in einer solchen Umgebung voll Schrecken und Tod lernen, ihre Angst zu überwinden.

Nachdem die Finsternis das letzte Tageslicht verschluckt hat, beginnen die Totenschädel ganz von selbst auf den Zaunpfählen zu leuchten, ohne daß jemand sie anzünden mußte. Aber was geht von diesem Licht aus! Wassilissa starrt den grell-leuchtenden Zaun an und beginnt zu frösteln, so angst wird ihr jetzt. Sie möchte fortlaufen, aber sie muß an ihren Auftrag denken, mit dem sie von den Stiefschwestern losgeschickt wurde: Sie soll Licht holen. Wissen die Schwestern, was für ein Licht hier brennt?

Im Reich der Babajaga gibt es nur diese eine Lichtquelle, die aus den Totenköpfen hervorgeht. Soll sie solches Licht von hier holen, und wird das auch zu Hause so leuchten wie hier? Mutig zündet Wassilissa an einem der Totenschädel einen Span an, um im Herd Feuer anzuzünden.

Ehe man die Baba Jaga sehen kann, hört man alle Bäume ächzen; die Natur verändert sich bei ihrem Erscheinen. Wie ein Hund erschnüffelt Baba Jaga, daß ein Mensch in der Nähe ist. Das Mädchen erzählt, weshalb es gekommen ist und wundert sich, daß der Baba Jaga die Stiefschwestern bekannt sind. Was für Verbindungen bestehen da?

Wassilissa kommt aus dem Staunen nicht heraus, daß Baba Jaga ihren Toren und Riegeln befehlen kann, sich zu öffnen und zu schließen. Wir würden heute sagen: Sie besitzt eine vollautomatische Schließanlage. In ihrem Reich herrscht eine Technik, die der damaligen Zeit weit voraus und für uns undurchschaubar ist.

Wassilissa erhält außer den üblichen Haushaltsarbeiten noch zwei Aufträge. Sie soll aus einem Scheffel Weizen schwarze Körner auslesen und Mohnkörner von Erde befreien. Wie kann sie solche Arbeiten in so kurzer Zeit verrichten? Kein Mensch brächte das fertig. Also nimmt sie Zuflucht bei ihrer Beschützerin und hört ihren weisen Rat: «Sprich dein Gebet und lege dich schlafen! Der Morgen ist klüger als der Abend.» Einer der weisesten Ratschläge, der uns Aufschluß darüber gibt, was mit uns geschieht und welche Hilfen wir erhalten, während wir schlafen.

In vielen Märchen werden Arbeiten solcher Art aufgetragen, die kein Mensch mit seinen Tages-Kräften bewältigen kann. Manchmal bekommt er dazu noch völlig untaugliche Werkzeuge, (z. B. «Der Trommler») Gerade das soll die wahre Absicht der Märchen unterstreichen, daß es sich um «Verrichtungen im Schlaf» handelt, die von göttlichen Wesen am Menschen vollzogen werden. Die Aufgabe — z. B. einen Teich mit einem Sieb auszuschöpfen — wird deshalb so gestellt, um in Bildern darauf aufmerksam zu machen, welche Wunder in den Nächten möglich sind.

Die Worte der Puppe sagen aus, daß wir im Schlaf vom «Brot des Lebens» gespeist werden und am Morgen klüger aufwachen. Wir werden beschenkt aus der Weisheit hoher, geistiger Wesen, die an uns arbeiten, damit wir am Morgen erfrischt aufwachen dürfen.

Was ermüdet uns während des Tages? Nicht nur die Arbeiten, sondern auch die vielen Sinneseindrücke, unsere Fehler und Verirrungen im Denken, Fühlen und Handeln u.v.a.m. Gestalten wir denn den Ablauf unserer Tage, indem wir nach gesunden Rhythmen und Ordnungen leben, oder lassen wir uns bestimmen - z. B. von der Hektik? Der Schlaf schafft heilenden Ausgleich. Wir erhalten «objektive Beurteilungen» unseres Verhaltens aus göttlicher Sicht und Weisheit. Sich dessen immer bewußter werden, sollte die regelmäßige Vorbereitung für die Abend-Rückschau sein.

Das nennt die Puppe: «Sprich dein Gebet ...» Darauf wartet unser Engel. In jeder Nacht können Wunder geschehen, die unser Verstand nicht für möglich hält. Die Schlaf-Vorbereitung ist m.E. genauso wichtig zu nehmen wie eine «verdienstbringende» Arbeit.

Wenn wir lernen, den Lehrsatz ernst zu nehmen: «Der Morgen ist klüger als der Abend», wird sich unser Schlaf positiv verändern. Dann erleben wir seine wohltuenden Wirkungen als Gefühl nächtlichen Geborgenseins. Das verleiht Lebens-Sicherheit.

Welche Veränderungen nehmen wir nach dem Schlaf an Wassilissa wahr? Selbstsicher stellt sie sich vor die Baba Jaga hin und antwortet: «Schau selbst nach, Großmütterchen!» Die Alte ärgert sich, daß sie keinen Grund findet zum Tadeln.

Während Wassilissa schläft, reinigt die Puppe die Weizen- und Mohnkörner. Als Baba Jaga die Mohnkörner in Empfang genommen hat, ruft sie: «Ihr meine treuen Diener, meine lieben Freunde, preßt Öl aus dem Mohn!» Zu welchen Freunden gehören die Hände, und warum bekommen wir die Freunde selbst nicht zu sehen? Ihr dienen Helfer, die nicht von dieser Erdenwelt stammen. Auf Befehl ihrer Gebieterin strecken sie nur ihre Hände aus der Decke hervor und greifen in die Handlung ein. Wo auf der Welt gibt es tätige Hände, deren übrigen Körper wir nicht wahrnehmen ? Wahrlich - das Märchen gibt uns Rätsel über Rätsel auf.

Es war die Absicht der Baba Jaga, Wassilissa an den beiden besonderen Aufgaben scheitern zu lassen. Daß jene die Aufträge erfüllte, war für sie unfaßbar. War ihr so etwas schon einmal vorgekommen ?

Wassilissa verläßt die Baba Jaga mit dem tötenden Licht


Baba Jaga sitzt am letzten Abend bei Tisch und ißt. Das Mädchen steht stumm daneben. Die Alte läßt sich ihren Mißerfolg nicht anmerken. Am liebsten hätte sie das fromme Mädchen gefressen. Nun beginnt sie ein Gespräch, um das Rätsel zu lösen: Sie spürt, daß dem Mädchen unbekannte Kräfte helfen.

Wie werden die schauervollen Eindrücke dieses Totenreiches auf Wassilissas Seele gewirkt haben ? Derartige Erlebnisse gehen nicht spurlos vorüber. Sie ist betroffen und bedrückt, auch wenn sie ihre helfende Puppe am Herzen trägt. — Doch jetzt steht sie der Baba Jaga Auge in Auge gegenüber und kann sich keinen Ratschlag von der Puppe erbitten; denn sie darf sie niemandem zeigen.

Neue Furcht beschleicht sie: Wann und wie werde ich von hier fortgehen dürfen ? Oder sinnt Baba Jaga schon nach, mir neue Arbeiten aufzubürden ?

Im folgenden Gespräch ist sie ganz auf sich selbst gestellt. Gerade das soll sie lernen. Aus dieser Situation heraus stammen ihre vorsichtig gewählten Fragen und Antworten. Baba Jaga fordert sie auf zu reden. Recht zögernd kommt die erste Frage hervor, die eigentlich gar keiner Frage bedarf: Sie möchte wissen, wer die drei Reiter sind. Hat sie doch beim Erscheinen jedes Reiters die Tageszeiten miterlebt. Wichtiger als die Frage ist ihre Erläuterung: «Ich möchte nur fragen nach dem, was ich draußen sah.» Damit läßt sie durchblicken, daß sie nach den viel geheimnisvolleren Dingen und Erlebnissen innerhalb des Hauses nicht fragen will. Die Alte gibt ja selber den großartigen Ratschlag: «Nicht jede Frage führt zum Guten. Wer viel weiß, wird bald alt.»

In Wassilissas Innerem regen sich weitere Fragen: Sie denkt zwar an die drei Paar Hände, aber sie beherrscht sich und schweigt dazu. Das ist eine bedeutsame Stelle in dem Gespräch; sie wendet sich auch an uns als Zuhörende. Es weist auf den Wissensdurst eines jeden hin, der brennend gern die Frage nach den Händen stellen möchte. - Hier tritt der behutsame Lehrcharakter der Märchen hervor: Alles Okkulte und Unbegreifliche nährt unsere fragende Neugier. Es fällt uns schwer, mit einer Frage lange Zeit geduldig zu leben. Aber nur so reifen Antworten. (Vgl. «Der goldene Schlüssel».)

Wie verhält sich Wassilissa? Sie bleibt standhaft und antwortet: «Du hast doch selbst gesagt, wer viel weiß, wird bald alt.» Sich selbst behauptend grenzt sie sich ab. Das ist für die gefährliche Alte das Zeichen, keine Macht mehr über sie ausüben zu können.

Die drei Tage bei der Baba Jaga bedeuten für Wassilissa eine wichtige Lehrzeit. Sie lernt zwei Qualitäten des Erkennens unterscheiden: Was sie draußen fordern Haus und drinnen im Haus wahrnimmt. Das weist auf exoterisches und esoterisches Wissen hin. Erst wenn sich beides ergänzt und befruchtet, kann - langsam reifend - ein umfassendes Wissen entstehen. Wer wagt, unvorbereitet oder aus Neugierde esoterische Fragen zu stellen, oder «wer den Kehricht aus der Stube trägt», der wird von der Baba Jaga aufgefressen. Wassilissa hat sich nicht verführen lassen und besteht die Prüfung.

Auch für die alte Baba Jaga tauchen durch den Besuch der jungen Wassilissa neue Fragen auf. Sie kann sich nicht erklären, wie das Mädchen die schwierigen Aufgaben erledigte. Jetzt wird sie von Neugier geplagt. Wassilissas Antwort lautet: «Mir hilft der Segen meiner guten Mutter.» Da ruft die andere empört aus: «Gesegnete kann ich nicht brauchen. Sieh zu, daß du schnellstens fortkommst!»

Mit diesen Worten stellt sie sich zum letzten Mal selbst dar, denn ihr Wesen hat mit dem Segen Verstorbener nichts gemein. Schon das Aussprechen religiöser Empfindungen ist ihr so zuwider, daß sie in Zorn gerät und die Geprüfte zur Tür hinausstößt.

Zum Abschied übergibt sie ihr einen der leuchtenden Totenschädel und spricht: «Hier hast du Licht für die Stieftöchter, denn danach haben sie dich doch hergeschickt.»

Das Sterben der Stiefmutter ihren Töchtern


Auf dem Weg nach Hause will Wassilissa den leuchtenden Schädel fortwerfen, denn sie nimmt an, daß sie zu Hause kein Licht mehr brauchen. Doch aus dem Schädel tönt eine Stimme hervor: «Wirf mich nicht fort, bring mich zu deiner Stiefmutter!» Spricht der Schädel das auf Geheiß der Baba Jaga? Ist alles das, was jetzt geschehen wird, deren Wille?

Während Wassilissas Abwesenheit hatten die drei Stiefleute weder Licht noch Feuer im Haus und mußten Nachbarn darum bitten. Sobald sie mit dem geborgten Licht in ihre Stube zurückkehrten, verlöschte es.

Seitdem die gute Tochter das Haus verlassen hatte, lebten sie in Finsternis und Kälte. Die Atmosphäre ihres Hauses war dem Lichte Feind. - Wassilissa wird nun das erste Mal von den Stiefleuten freundlich empfangen, weil sie Licht mitbringt. Aber ahnen jene, was sie mit dem leuchtenden Schädel in Empfang nehmen ? Zwar brennt das Licht, aber es tötet alles Böse. Wohin sich die drei auch verstecken, es folgt ihnen unbarmherzig, und sie gehen ihrem Gericht entgegen: Alle drei verbrennen ganz zu Kohle - nur Wassilissa bleibt unversehrt.
 

Drei Qualitäten von Licht


Seelenwarmes Licht leuchtete aus den Augen der Puppe, als sie den Segen der verstorbenen Mutter an die junge Tochter weitergibt und deren Leben fernerhin schützend begleitet. Hätte Wassilissa die Puppe jemandem gezeigt, wäre vermutlich der Segen der Mutter von ihr gewichen. — Bekommen wir ein Geheimnis anvertraut und umhüllen es mit Schweigen, bleibt die Kraft bewahrt und nimmt zu. Ein wärmendes Leuchten strahlt aus. Wassilissa schützt und stärkt die Lichtkraft aus der Welt der Verstorbenen.

Oft müssen wir im Leben mit einer dunklen Gegenmacht ringen, um daran unseren Mut zu stählen. Deshalb wurde Wassilissa ins Haus der Baba Jaga geschickt. Als sie das tötend-kalte Licht zurück ins Haus der Stiefmutter trägt, weiß sie nicht, was dieses Licht ausrichten wird. Es ist geborgtes Licht aus dem Todesumkreis der Baba Jaga, das sich jetzt gegen die Stiefleute wendet. So fügt es das Schicksal.

Nachdem der leuchtende, sprechende Schädel seine Aufgabe im dritten Haus erfüllt hat, vergräbt ihn Wassilissa in der Erde, verschließt das Haus und geht in die Stadt. Aus dem Mädchen ist eine junge Frau geworden, die zielgerichtet ihren Weg geht. Bei einer alten Frau wird sie liebevoll aufgenommen. Warmes Licht erfüllt dieses vierte Haus und überträgt sich auf die Arbeiten, die Wassilissa dort beginnt. Die Ausstrahlung aus der bescheidenen Kammer der Jungfrau wird bald ins Schloß des Königs leuchten und neue Schicksalsverbindungen knüpfen.

Wassilissa verrichtet drei Arbeiten


Es ist Winter geworden. Das Sonnenlicht erreicht seinen tiefsten Stand, und Schnee deckt die Felder mit einem weißen Tuch zu. Vor der Kälte ziehen sich die Menschen gerne ins Haus zurück. Es beginnen die besinnlichen, langen Winterabende, an denen früher Märchen erzählt wurden und die Herzen sich an den Erzählungen erwärmten.

Wassilissa schickt ihre Pflegemutter in die Stadt, um Flachs zum Spinnen zu besorgen. Später wird sie weben und aus dem Tuch Hemden nähen.

Im Folgenden werden die drei Arbeiten beschrieben.

Spinnen: Aus einem ungeformten Bausch von Flachs oder Wolle zieht sie mit geschickten, flinken Fingerbewegungen einen Faden hervor, der sich auf der Spindel aufwickelt. Diese tanzt und dreht sich um sich selbst. Der Fuß bringt das Rad in Schwung. Niemals sollte der Faden abreißen.

Übertragen wir nun die Arbeiten ins Seelische, denn davon wollen die Märchen künden: Ich spinne meinen Faden, lasse mich von nichts ablenken und blicke konzentriert auf ihn, während meine Hände und mein Fuß wie von selbst die notwendigen Bewegung ausführen. Meine Gedanken so zu konzentrieren, daß mir «mein Faden nicht abreißt», gelingt mir nur schwer. Immer wieder ertappe ich mich dabei, ungewollt völlig fremde Gedanken zuzulassen. Mein Denken benötigt eine lange Schulung, bis es fähig wird, einen langen Faden zu spinnen. Eine Hilfe ist es, die Augen zu schließen, um mich wenigstens nicht durch äußere Eindrücke ablenken zu lassen. Ich mache die Erfahrung: Meine Hände gehorchen mir besser als meine Gedanken, auf die ich doch so stolz bin! Schnell flattern sie wie Vögel in die Lüfte.

Wenn ich meine Gedanken nicht in geordnete Bahnen zu lenken vermag, besteht die andere Gefahr, mich in sie «einzuspinnen» oder ein versponnener Sonderling zu werden. Mit weltfremden Theorien baue ich mir allerlei Luftschlösser. Ich verliere dann leicht die Beziehung zu den Realitäten.

Die Spindel ist Bild für «Entwicklung». Ihr muß eine «Aufwicklung» vorangegangen sein, nach der wir oft vergessen zu fragen. «Frau Holle» und «Spindel, Weberschiffchen und Nadel» geben darüber Auskunft. — Wehe, wer sich an ihnen sticht! Immer bedeutet es eine Schicksalswende.

Weben: Als letztes wünscht sich Wassilissa von ihrer Puppe einen Webstuhl. Dann legt sie sich schlafen, und während der Nacht wird ein wunderbarer Webstuhl gebaut. Darauf stellt sie das kostbarste Linnen her. Damit schließt sie die Winterarbeit ab. Im Frühlingslicht wird das Tuch gebleicht.

Weshalb soll die Weberin schlafen, während der Webstuhl gebaut wird? Dieser Webstuhl ist kein gewöhnlicher; er ist Bild dafür, daß göttliche Wesen dem schlafenden Menschen Anregungen und Impulse vermitteln wollen, die er am kommenden Tag ausführen will. An den Mustern unserer Schicksalsgewebe arbeiten wir nicht allein, sondern höhere Wesen wollen uns im Schlaf beschenken.

Während sie webt, werden in das Tuch für den künftigen Besitzer geheime Botschaften hineingearbeitet, die unserem Tagesbewußtsein unbekannt bleiben.

Hören wir einige Dichterworte über die Arbeit des Webens:

So schauet mit bescheidnem Blick
der ewigen Weberin Meisterstück,
wie ein Tritt tausend Fäden regt,
die Schifflein hinüber, herüber schießen,
ein Schlag tausend Verbindungen schlägt!
Das hat sie* nicht zusammengebettelt, (* Die Natur)
sie hats von Ewigkeil angezettelt.
Damit der ewige Meistermann
getrost den Einschlag werfen kann.

(Goethe: «Gott und Welt»)


Um weben zu können, sind Vorarbeiten notwendig. Ich befestige auf dem Webstuhl eine Fadenkette. Dadurch werden Länge und Breite festgelegt. Im Gegensatz dazu muß ich mit Händen und Füßen Bewegungen vollziehen, von rechts nach links und wieder zurück: das Schiffchen schießt hindurch.

Die Fäden kreuzen sich und geben dem Gewebe Festigkeit. Feste Form und rhythmische Bewegungen sind notwendig -Bild für die strenge Ordnung der Naturgesetze und für die Wechselfälle des Lebens.

Wir können uns mit R.M. Rilke fragen:

Auf welchen Webstuhl sind wir denn gespannt"?
und welcher Weber hat uns in der Hand ?


Nähen: Zum Nähen nehme ich das kleinste Werkzeug, die spitze Nadel. Ehe ich Hemden nähen will, zerschneide ich das Tuch in kleine und größere Teile, um sie später so zusammenzunähen, daß sie der Gestalt eines Menschen angemessen sind.

Soll das Nähen im Märchen ankündigen, daß zwei noch getrennte Menschen sich vereinigen möchten? Mit den Hemden, die dem späteren Träger ganz nahe am Leib anliegen, kommt die Näherin dem König näher, was ihr selbst zwar unbewußt bleibt, aber schon tief in ihrem Herzen aufbewahrt war.

Wassilissa weiß, daß ihr die Arbeit des Hemdennähens zufallen wird. Als die Alte ihr die Botschaft bringt, schließt sie sich in ihre Kammer ein und näht, ohne sich eine Pause zu gönnen. Es ist wichtig nachzuempfinden, daß sie sich durch Arbeiten dem König bekannt macht, bevor er sie sieht!

Im ersten Teil des Märchens geht das Mädchen in ihre Kammer, um zu beten. Ihre betenden Gedanken wenden sich zurück an die verstorbene Mutter. Jetzt zieht sie sich allein in die Kammer zurück, um zu arbeiten. Sie bereitet eine gemeinsame Zukunft vor.

Es ist ihr Wunsch, es dem König zu überlassen, welche «Folgen» eintreten werden. In ihr regt sich kein falscher Stolz. Sie schafft lediglich Voraussetzungen, einmal ganz frei vor dem zu stehen, der ihre Arbeiten annehmen wird und damit auch sie selber.

Inzwischen ist es Sommer geworden, und im Märchen ründet sich ein Jahreskreislauf - ebenso in der Lebensgeschichte von Wassilissa.

Seitdem sie in dem vierten Haus mit der Pflegemutter lebt, verhält sie sich schon fast wie eine werdende Königin; denn alle Ausgänge besorgt die Pflegemutter für sie. Und wenn sie jetzt in ihrer Kammer sich wäscht, kämmt und ihr bestes Kleid anlegt, dann ist ihr gewiß, was ihr bevorsteht. Sie wartet darauf nicht ungeduldig, sondern ist ganz bei sich (d.h. «in der Kammer eingeschlossen»), ganz gesammelt in ihren Empfindungen.

Zur gleichen Zeit wird der König an den kunstfertigen Arbeiten erkennen, welche Spinnerin, Weberin und Näherin hier am Werke war. Ihre Arbeiten geben Zeugnis davon, wie sich ein Mensch veredelt in seinen Gedanken, Gefühlen und Handlungen.

Als die wunderschöne Wassilissa zur Zarin gekrönt wird, nimmt sie aus großer Dankbarkeit die Alte und ihren Vater zu sich. Ihre Puppe trägt sie stets bei sich, so daß auch die verstorbene Mutter ihr nahe bleibt.

Wir lernen aus dem Märchen, wie innig und stark die Verbindung gepflegt werden kann zwischen Verstorbenen dort und Lebenden hier. Immer wenn die Puppe tätig wird, tut sie es im Auftrag der anwesenden Verstorbenen. Die Handelnden der Erzählung bauen an der Brücke eines neuen Verstehens zwischen der irdischen und der geistigen Welt. Es sind nicht zwei getrennte Welten. Die Verstorbenen warten darauf, daß wir genauso treu an dieser Brücke arbeiten, wie es uns von Wassilissa erzählt wird.



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