Seminar in der Waldorfschule Irkutsk (6. – 8. Juli 07)
Nach 94 Stunden Fahrt mit der Transsib erreicht unsere kleine Reisegesellschaft Irkutsk. Marina, die Mathematiklehrerin der Schule (Waldorfschule Irkutsk(, holt uns vom Bahnhof ab. Mit dem Taxi erreichen wir das „Studentenstädtchen“, eine etwas trostlose Hochhaussiedlung am Stadtrand, in der sie ihre nette Wohnung hat. In der Nacht steht über Stunden ein gewaltiges Gewitter über der Stadt. Nach jedem Blitz heulende Sirenen in den auf dem Hof parkierenden PKWs. Wir schlafen kaum. Am Morgen bringt mich Marina mit dem Bus zur Schule. Es ist ein stattliches Gebäude, nicht fern des Zentrums. Vom nächtlichen Regen stehen die Strassen in weiten Flächen unter Wasser. Die Schule selbst ist nicht trockenen Fusses zu betreten. Nach den vielen Industrieruinen an der Bahnstrecke, den heruntergekommenen Betonplattenbauten stehe ich plötzlich an einem lebendigen, im Aufbau begriffenen Ort. Ein geschnitztes Holzschild hängt im 1. Stock über dem Eingang zu den Klassenräumen. „Waldorfschule“ übersetzt Marina. Es kommt mir wie ein Wunder vor: Heimatgefühle, 6ooo Kilometer von zu Hause entfernt! Die Räume sind hell und freundlich. Alles ist aufgeräumt, geschmückt, eine liebevoll gepflegte „Waldorfatmosphäre“. Fenster, Böden, Tische sind frisch gestrichen. In dem Klassenraum, wo das Seminar stattfinden soll, hängen herrliche Aquarelle, die offensichtlich von Kandinsky inspiriert sind. Ich erfahre, dass dies aus einer Arbeit stammt, welche das Kollegium vor nicht langer Zeit mit Ursula Locher gemacht hat. So trifft man auf bekannte Spuren….
Nach und nach treffen die Lehrerinnen ein, die an meinen Kursen teilnehmen wollen: Olga, die Deutschlehrerin, die vollkommen akzentfrei, fliessend übersetzen wird. Sie wird uns in den nächsten Tagen mit selbst gebackenen Pfannkuchen (Blinis) verwöhnen. Irina, die Handarbeitslehrerin, scheint der ruhende, ausgleichende Pol in der oft sehr quirligen Versammlung der Kolleginnen zu sein. „Sie ist unsere Direktorin.“, erfahre ich. Im Gespräch wird deutlich, dass sie einen tiefen inneren Begriff hat von dem, was wachsen soll, was dem Wesen der Schule entspricht. Dann sind da Larissa und Anja, die den Werkunterricht der Schule tragen. Sie wollen mir nach Talovka folgen und mit mir den Lehrplan durchgehen. Alfa, die Musiktherapeutin, die bei meinem Freund Pedro Fausch in Berlin gelernt hat. Marina, die eine Modellierausbildung bei Klaus Charisius begonnen hat, der auch mein Lehrer am Seminar in Stuttgart war. Auch sie wird nach Talovka folgen und dort meine Frau Susanne bei vielen Sprachtherapiestunden in der Heilpädagogischen Schule begleiten und übersetzen, daneben modellieren und einen Webrahmen bauen. Zuletzt sind es 12 Personen. Manche noch etwas müde am Anfang, weil die letzten Tage dicht gefüllt waren mit Vorträgen und Seminaren mit Michaela Glöckler. Ich bewundere diese grosse Aufnahmebereitschaft und das hohe Fortbildungsideal.
Drei Tage werden wir zusammen verbringen: Zuerst das Modellieren in den Unterstufenklassen. „Wieder Erde in die Hand nehmen.“ Dann Grundlagen und künstlerische Methode einer neuen Sexualkunde *). Schliesslich Embryologie. Die Aufgeschlossenheit ist gross. Immer wieder werden Verbindungen gefunden zu dem, was Michaela Glöckler vorgetragen hat. Es scheint ihnen dies wie der konkrete, praktische Teil des vorangehenden Seminares zu sein. Das Vorgeburtliche, das kosmische Element, ohne das wir die Geheimnisse der Sexualität nicht erahnen, die Vorgänge der Embryologie nicht verstehen können, aufzunehmen, scheint ihnen nicht schwer zu fallen. Im Gegenteil: Viele dieser Frauen sprechen von Erfahrungen, die über die Grenze des materialistischen Weltbildes hinausgehen. Eine Kollegin berichtet von einem Traum, in dem sie aus dem Fenster schaute und hunderte von Krähen in der Luft erblickte. Eine rote Krähe sei dann zu ihr ins Fenster geflogen. Wenige Tage später sei sie schwanger geworden. Dem Kind habe sie den Namen Warona (Krähe) gegeben.
Seminar in Talovka
Die Begeisterungsfähigkeit und Dankbarkeit war überaus gross. Tatsächlich folgten uns 5 Kolleginnen aus Irkutsk später nach Talovka, wo wir 3 Wochen in einem Heilpädogogischen Heim helfen wollten. Nach unserer Fahrt mit dem Schlafwagen dem Baikal entlang, erreichten wir am frühen Morgen dieses kleine Dorf in Buriatien. Inmitten von Ruinen aus der Kolchosenzeit fanden wir das Heim, das mit so viel Idealismus aufgebaut worden ist und sich zu einem blühenden Ort entwickelt. Wir erfuhren, dass wir am nächsten Tag auch hier ein Seminar bestreiten sollten: Susanne konnte den Betreuerinnen und den Lehrerinnen der Heilpädagogischen Schule die grundlegenden Krankheitsbilder Epilepsie und Hysterie vermitteln und im Anschluss einen Sprachgestaltungsunterricht beginnen. Ich selbst wurde gebeten den Irkutsker Kurs hier zu wiederholen und in die Grundlagen des Werkens einzuführen. In den nächsten Tagen erschienen die Kolleginnen aus Irkutsk von der Waldorfschule sowie der Heilpädagogischen Schule „Talisman“ und halfen mit, die Holzwerkstatt im Heilpädagogischen Heim einzurichten. Eine kleine, miteinander und voneinander lernende Arbeitsgemeinschaft entstand. Reich beschenkt mit Erlebnissen und Begegnungen verliessen wir schliesslich diesen uns lieb gewordenen Ort.
Diese drei Institutionen, die Schule in Irkutsk, das Heim und die Heilpädagogische Schule in Talovka, haben einen starken Lebenswillen, Begeisterungsfähigkeit und eine Zukunftsvision. Man darf hoffen, dass die Kräfte der Menschen durchhalten und dass ihnen jede Unterstützung aus der ferneren Umgebung zukommen kann, welche diese mutigen Menschen brauchen. Es lohnt sich.
Christian Breme
*) Sexualkunde: Unter dem Titel «Menschenbild und Lebenskunde – Elemente einer Sexualerziehung aus spirituellem Verständnis» ist von Christian Breme eine Arbeitsmappe erschienen, welche für 15 Franken bestellt werden kann unter: c.breme(AT)gmx.ch (bitte für (AT) das Zeichen @ einfügen). Sein Büchlein «Plastisch erarbeitete Embryologie» enthält eine praktische Anleitung und ist auf dem gleichen Weg erhältlich.
Zum Thema "Sexualkunde" (und Paarbeziehung) speziell im Behindertenbereich erschien das Schwerpunktheft "Punkt und Kreis" (Johanni 2007, herausgegeben vom Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit e.V.) zum Thema
=> Wir beide! – Wenn Paare sich finden (PDF-Datei) <=
Aus der Einleitung dazu von Johannes Denger:
"Es gibt wohl kaum ein Gebiet, auf dem eine Behinderung weniger ins Gewicht fällt als beim Thema Freundschaft, Liebe, Partnerschaft. Sicher, Menschen mit Behinderung stoßen auch und gerade hier an Schranken des Vermögens, vor allem aber an Barrieren durch Vorurteile der Umgebung oder etwa bauliche Einschränkungen der Einrichtungen. Aber bei dem, worum es eigentlich geht, bei Beziehungsfähigkeit, Hilfsbereitschaft, Anerkennung, Achtung, Rücksichtnahme in der Partnerschaft – und: beim Ertragen der Eigenheiten und Akzeptieren der Grenzen des anderen, bei all diesen Aufgaben besteht nicht nur kein Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, sondern man hat den Eindruck, dass sie hier oft besondere Fähigkeiten haben. Und wenn es denn Streitigkeiten und Probleme gibt, sind es dieselben wie bei jedem Paar.
Als Heilpädagoge und vor allem als Sozialtherapeut in der Arbeit mit Erwachsenen ist man immer wieder in Gefahr, durch übergreifendes Bestimmen die Menschenrechte des anderen zu verletzen. Ein besonders heikler Bereich ist der von Freundschaft, Liebe und Partnerschaft. Er ist gewissermaßen ein Gradmesser dafür, wie mit dieser Gefahr umgegangen wird. Und so ist es sehr erfreulich, wie in den vergangenen Jahren auf diesem Felde an vielen Lebensorten zum Teil radikal umgedacht und unumkehrbare Entwicklungen angeschoben wurden. Einige Beiträge in diesem Heft legen Zeugnis davon ab."
Zum Bericht von Christians Tochter Christina: Talovka
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