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5. Aurelia Jaggi in der "Werkstatt Istok"
Ralf am 22.09.2007 16:25:16


Werkstaetten in Istok

Was denn genau gehoert eigentlich zum Thema Werkstatt? Ist nicht das ganze Dorf eine grosse Werkstatt, in der jeden Tag gearbeitet wird, sei es mit Holz, Ton, Faden, Milch oder Pfanne? Es scheint mir, als sei Istok eine einzige grosse Lebenswerkstatt, in der an Persoenlichkeiten Entwicklungen und Ideen staendig geschnitzt, geputzt, gekocht oder genaeht wird. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Staette der Werke, eine sich staendig verwandelnde, die fuer jeden einen, seinen Faehigkeiten entsprechenden, Arbeitsplatz bereit haelt. Diesen Platz zu finden braucht jedoch meist Zeit und verschiedene Versuche, sich in den entsprechenden Bereichen zu bewaehren.

Es ging auch mir als Praktikantin so. Das System der russischen Arbeitsver- und aufteilung ist eben nicht europaeisch, man muss es erstmal kennenlernen, aber hat man einmal hinter die Kulissen geblickt, kann es einen mehr lehren als alle anderen, denn wo sonst haette ich die Moeglichkeit gehabt als Praktikantin in so verschiedenen Arbeits- und Aufgabenbereichen mitwirken zu koennen.

Nun aber konkreter zu den einzelnen Werkstaetten, denn jede von ihnen hat doch seinen eigenen Charakter, Mitarbeiter und Produkte.

Es vergeht kein Tag, an dem nicht entweder in Holz- oder Keramikwerkstatt, Landwirtschaft, Garten oder Kueche gearbeitet wuerde, denn ein Tag ohne Kartoffelsuppe, Brot oder Kascha ist ganz einfach nicht vorstellbar. Auch die Pflege der Tiere erfordert taegliche, regelmaessige Arbeit, die einen wertvollen Rhythmus ins Alltagsleben bringt.

Weitere Haushaltsarbeiten wie Putzen und Waschen, scheinen auf den ersten Blick vielleicht allzu selbstverstaendlich, aber auch diese, regelmaessig und zuverlaessig zu verrichten, kann eine aeusserst therapeutische Aufgabe sein.

Es gibt da so eine herrliche Anektote, die sehr viel ueber die Haushaltssituation aussagt: Tatjana kaufte Kyrill eine Banane, gab sie ihm, er ass die Haelfte davon und verstaute den Rest fein saeuberlich in der Kloschuessel. Nicka, die allmorgendlich die Toiletten putzt, fischt die Banane wieder aus ihrem Dreck, laesst sie aber vernuenftigerweise im Abfall verschwinden, was natuerlich unserer sparbewussten Nastja nicht entging. So landetet die Banane schlussendlich wieder in der Kueche, wo sie von Tatjana wieder entdeckt wurde und Beruehmtheitswert erlangte.

Was zusaetzlich zu dieser "Alltagswerkstatt" hinzukommt, ist stark abhaengig von Jahreszeit und Mitarbeiterpraesenz.

Im Winter 06\07 waren Myriam und ich in der Holz- und Keramikwerkstatt taetig und machten dort unsere ersten Erfahrungen mit der russischen Sprache und den Einwohnern Istoks, deren Geduld und Verstaendnis uns immer wieder ermutigten, sodaß wir uns langsam ins Dorf einleben konnten.

Die Holzwerkstatt ist ein Ort, in dem fast alle der Betreuten einen Platz finden koennen: die Auseinandersetzung mit dem Material fuehrt von einfachsten Schleiffbewegungen, bis hin zu anspruchsvoller, konzentrationsfoerdernder Stechbaitel- und Hobelarbeit, und kann viele der Betreuten in verschiedensten Bereichen foerdern. Die Konfrontation mit dem Material stiess manch eine/n vor anfaengliche Hindernisse, die aber mit Geduld und Selbstreflecktion oft zu schoenen Ergebnissen fuehrten. Das Entstehen einer Form aus einem, zuerst meist recht klobigen Stueck Holz, ist oft eine starke Herausforderung mit sich selbst und den von aussen gestellten Anforderungen. Auch das Zusammensein in demselben Raum, die Arbeit an manchmal denselben Holzstuecken und das Aufteilen der Werkzeuge, hat sozial einen wertvollen Aspekt. So gab es sowohl Tage, an denen jemand fuer sich ganz alleine gearbeitet hat, an denen ein Vorhang vor die Fenster gehaengt werden musste, als auch solche an denen unsere Hilfe fast ueberfluessig wurde.

Was in der Hozwerkstatt mit Werkzeugen an Material abgetragen wird, um zu der gewuenschten Form zu gelangen, wird in der Keramikwerkstatt hinzugefuegt oder geformt. Der Ton stellt einem kaum Grenzen und passt sich auch launischen Arbeitern an, denen seine Plastizitaet manchmal allzu gelegen kommt. Aber gerade die Formbarkeit dieses Materials, die einen Verwandlungs- und Entwicklungsprozess leicht ermoeglicht, konnte, so hoffe ich zumindest, manchen der Betreuten eine Ruhe vermitteln, mit der sie sonst stark zu kaempfen haben. Auch der Prozess von der Idee ueber eine Zeichnung bis zur Umsetzung in Ton, z.B. von Tieren, hat die Arbeitenden manchmal vor schwere Geduldsproben gestellt und ihre eigene Formbarkeit und Verbindungsmoeglichkeit mit dem Material stark erprobt.

Was einen immer wieder in Berwunderung versetzt, sind die Arbeiten, die in der Handarbeitswerkstatt entstehen. Da verwandeln sich Saecke voll alter Kleider in bunte Flickteppiche, in Schuerzen und Topflappen. Kurz vor dem Weihnachtsbazar erscheinen dann ploetzlich auch noch gestrickte Kinderhausschuhe oder eine gestickte Postkarte. Auch vor dem Versuch sich warme Socken zu stricken wird nicht zurueckgescheut, trotz oft mehrmaligen Anfaengen oder ungewolltem Aufgehen der so muehsam begonnenen Arbeit.

Die Werkstaetten werfen auch immer wieder die Frage auf, wie weit soll eine moeglichst grosse Produktivitaet und wie weit eine rein therapeutische Arbeit stattfinden. Die Produktivitaet erfordert eine gute Planung und Fuehrung, an deren Ende ein fertiges, verkaeuefliches Produkt stehen sollte. Um dies zu erreichen, muesste man sich hauptsaechlich auf die jeweilige Werkstatt konzentrieren koennen als Mitarbeiter und nicht, wie es meist der Fall ist, in allen Bereichen mitwirken. So haben wir vorerst entschieden, uns auf den Arbeitsprozess an sich zu konzentrieren und die Produktivitaet in den Hintergrund zu stellen. Denn solange keine professionellen Mitarbeiterkraefte gerade in der Holz- und Keramikwerkstatt vorhanden sind, wird es immer schwierig sein, verkaeufliche Produkte fuer mehr als Weihnachts- und Osterbazar herzustellen. Vorlaeufig ist es wichtig, dass ueberhaupt in den Werkstaetten gearbeitet werden kann, dass eine "Beschaeftigung" gerade in den Wintermonaten moeglich ist, wie auch immer das im kommenden Winter aussehen wird mit momentan 16 Doerflern und drei bis vier Vollzeitmitarbeitern.

Nun gibt es da natuerlich noch den Garten, denn ohne die obligatorischen russischen Kartoffeln wuerde nichts funktionieren im Dorf. Das waere wie ein Auto ohne Benzin! Aber es gibt da sogar auch noch anderes im Garten und in diesem Sommer soviel wie noch nie! Da wachsen Karotten, Rote Beete, Bohnen, natuerlich Kohl, Gurken und Tomaten, sowie Kuerbisse und Zwiebeln und die verschiedensten Kraeuter. Mit etwas Durchsetzungsvermoegen habe ich es sogar geschafft, Spinat anzusaehen, der vorerst als Gruenfutter verpoent, jedoch dann als Quiche doch geschaetzt wurde.

Der erste Salat aus dem Gewaechshaus und die ersten Radieschen waren ein richtiges Festessen und fortan wurden die Salatschuesseln immer groesser und fantasievoller...

Bald begannen sich auch der Vorratskeller und die Regale wieder zu fuellen, waren diese doch Anfang Juni bis aufs letzte Glas Marmelade und eingemachte Gurken geleert.

Im Fruehjahr hat die Gartenarbeit begonnen, als noch Schnee lag und wir versuchten den angeblichen Kompost mit Pickel und Schaufel in gefrorenen Brocken ins Gewaechshaus zu befoerdern. Naja, wenn man dies bereits im Herbst gerichtet haette, waere einiges mit weniger Arbeit moeglich gewesen. Aber eben, die Planung und ein verbindliches Verantwortungsgefuehl ist nicht immer Istoks Staerke …

Die Gartenarbeit hat oft viel Geduld und Durchhaltewillen gefordert, wenn tagelang gejaetet und auch so einige Disziplin in Bewaesserung und Pflege der Gewaechshaeuser aufgebracht werden musste.

Eine wichtige und vieldiskutierte Werkstatt ist natuerlich der Stall. Da gibt es immer wieder Hoehepunkte und spannende Momente, wenn z.B. ein Kaelbchen zur Welt kommt, im letzten halben Jahr waren es deren fuenf, oder wenn es darum geht, welche Kuh nun geschlachtet werden soll oder welche schon rindrig ist. Auch die Schweine und Huehner hatten Nachwuchs und bereiten viel Freude, aber auch viel Pflege und schlussendlich einige Platzfragen.

Der Umgang mit den Tieren ist immer wieder eine neue Herausforderung des eigenen Durchsetzungvermoegens, vor allem aber auch des direkten Kontaktes zum Lebendigen, zum Gegenueber, das fuehlt und auch seine Launen hat.

Das Verhaeltnis von Geben und Nehmen, Profitieren und Pflegen stellt eine gegenseitige, verantwotrungsvolle Abhaengigkeit her, die in keiner anderen Werkstatt so stark gefragt wird. Und es bleibt nicht nur bei der taeglichen Pflege der Tiere, die Arbeit hat ihren Fortgang in der Verarbeitung von Milch und Fleisch, und das eine wirkt sich aufs andere aus. Faellt also der Mittagsschlaf der Hirten zu lange aus, ist das am anderen Tag an der Milchmenge abzulesen.

In den einzelnen, wie auch in der ganzen Werkstatt Istok besteht ein staendiges Zusammenspiel zwischen einem sich ergaenzenden und weiterfuehrenden Arbeitsaustausch und einem immerwaehrenden Ringen nach Erfolg und moeglichst selbstaendigem Funktionieren des Ganzen.

In dieser grossen Lebenswerkstatt habe ich nun ein Jahr lang mitarbeiten duerfen, versucht meinen Platz darin zu finden und dadurch anderen einen zu geben. In Zukunft werde ich nun eine neue Aufgabe darin finden muessen, es gibt viele, man muss sie nur finden...


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