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8. Myriam Estko: Ostern
Ralf am 07.09.2007 10:01:52


Der Frühling ist eindeutig nicht Sibiriens Stärke, die letzten Schneereste verkümmern schmutzig in den Ecken, knöchelhohe Gummistiefel reichen nicht aus um den Sumpf zu durchwaten, es wird zwar wärmer, aber das Auge sieht nur noch Grau und Braun statt strahlendem Weiß.

Und trotzdem, es liegt ein Hauch von Tatendrang in der Luft, der selbst „Riesenrussen“ zu weitsichtigen Planungen anregt und einem einen längeren Aufenthalt draußen auch ohne Pelz ermöglicht. Es ist eben doch Frühling!

Und es ist Osterzeit, dieses Jahr in Russland sogar zum selben Datum wie in Europa - und trotzdem ganz anders.

Palmsonntag ging völlig unter, unsere Wasserpumpe aus alten Militärzeiten gab den Geist auf und ließ uns auf dem Trockenen sitzen. Im Eilverfahren wurden alle nach Hause geschickt, nur die ganz Hartgesottenen bereiteten sich auf den Notstand vor. Dank unseres neuen Löschwagens konnten wir uns jedoch regelmäßig Wasser aus dem nächsten Ort holen und genossen im Übrigen die fast unheimliche Stille ohne die Gruppe. Der Löschwagen ist natürlich unser ganzer Stolz, die großen Waldbrände stehen kurz bevor, in der Vergangenheit wurden schon zwei Häuser vom Feuer zerstört. Doch dieses Jahr soll uns der umgebaute Jauchetank nicht nur vor den Flammen schützen, nein, er wird uns auch vor dem Verdursten retten!

Das klingt natürlich viel zu schön um wahr zu sein, das Gefährt steht seit ein paar Tagen mit einem Achsenbruch in der Ecke, die Pumpe wird wohl anderweitig zum Einsatz kommen, unser Wasser holen wir in Plastiktonnen aus Turskaja.. Und Ostern?

Karfreitag war allgemeines Arbeitsverbot, aber die Tiere wollten trotzdem versorgt werden und auch die Sachen für den anstehenden Bazar brauchten noch ein bisschen Überarbeitung. Ansonsten war es jedoch ein schöner, geruhsamer Tag ohne unliebsame Überraschungen, er gab uns die Möglichkeit für den kommenden Tag Kraft zu schöpfen. Es galt nämlich nun, Haus und Hof zu putzen, was immer Stunden dauert und nur Minuten anhält, und vor allem das Menü vorzubereiten. Die genaue Anzahl der Gänge weiß ich schon nicht mehr, eigentlich gab es nichts was es nicht gab. So ein Essen ist Russland im Quadrat, man verbringt den ganzen Tag in der Küche und die Nacht mit Essen. Um 23 Uhr waren wir fertig, der Tisch gedeckt und wir hofften, mit dem Mikrobus die drei Kilometer Sumpf bis zur Strasse heil zu durchqueren. Es war schlimm, aber es ging, obwohl sich fast doppelt so viel Menschen wie Sitze im Auto befanden.

Das nächste größere Dorf ist Urik und auch wenn die Kirche dort zu Sowjetzeiten als Stall missbraucht wurde, später abbrannte und nun erst langsam wieder aufgebaut wird, war ein größerer Raum festlich geschmückt und wie immer während einem orthodoxen Gottesdienst völlig überfüllt. Ich liebe diese besondere Stimmung in einer solchen Umgebung, das Kommen und Gehen der Gläubigen, den dreistimmigen Gesang der Frauen, die unbeteiligten Priester in Brokatgewändern, die erscheinen, ein Gebet sprechen, Segnen und wieder gehen, die weihrauchgetränkte Luft und vor allem die Menschen. Als Frau muss man einen Rock tragen und mit einem Kopftuch die Haare bedecken, Männer müssen die Hüte abnehmen. Meist sind es alte Leute, vom Leben gezeichnet kommen sie in ihren saubersten Lumpen mühsam herein, verströmen einen dauernden Knoblauch-, Schweißgeruch und verbeugen sich pausenlos und andächtig, schlagen das Kreuz und kramen unter der Bluse die letzten Kopeken für eine Bienenwachskerze hervor, haben zu Hause einen besonders schönen Osterkuchen zum Segnen gebacken. Für sie sind die Ikonen weder alt noch neu, schön noch kitschig, sie sind ihnen Abbilder der Heiligen, ein Tor zum Himmel, der im hinteren Raum beginnt, zu dem nur der Priester Zutritt hat und auf dessen drei Türen wir unablässig schauen.

Es ist fast Mitternacht, wir versammeln uns alle draußen, jeder hält eine Kerze in der Hand, schützt sie mit aufgeschnittenen Plastikflaschen vor dem Wind - Recycling auf Russisch. Es ist eine recht große Menge die dort im Dunkeln zusammen kommt, die Umhänge fester um die Schultern zieht und kleine, warme Lichter trägt. Die Nacht ist kalt, fast wie im Winter, nur die Sterne leuchten nicht mehr so klar und zahlreich wie in den letzten Monaten.

Punkt Mitternacht läuten die Glocken und es bildet sich eine Prozession die langsam durch das Dorf wandert. Ich weiß nicht mehr in welcher Zeit ich lebe, helfe einer alten Frau, die nur mit Mühe laufen kann, sehe neben mir die alten, halb im Schlamm versunkenen Holzhäuser, während die Glocken weiterhin ihre eintönige Melodie spielen. Die Gewänder der Geistlichen rascheln und schimmern matt im Dunkeln, wieder vor der Kirche angekommen, begrüßen sie die Gläubigen mit dem auch uns bekannten Ostergruß ("Christus ist auferstanden" - "Er ist wahrhaftig auferstanden") und lassen sie dann an sich vorbeiziehen, zum Segnen. Dabei darf man ihren Ärmelaufschlag küssen und bekommt mit einem Pinsel das Weihwasser auf die Stirn gestrichen.

Für uns heißt es wieder ins Auto zu steigen, der Übergang zur Gegenwart ist brutal, aber typisch, trotz heilloser Überfüllung versuchen wir wenigstens eine Kerze brennend nach Hause zu bringen. Die Lüftung macht kurzen Prozess, „nitschewo“, beim zweiten Versuch sind die Scheiben zwar ständig beschlagen, aber die Kerze brennt bis nach Hause und entzündet dort die Lichter auf dem Tisch.

Das Essen geht immer lange und ist eine gemütliche, aber auch anstrengende Sache, alle Gänge schafft man sowieso nicht, aber jeder fordert einen immer auf weiter zu probieren. Am liebsten sind mir die Piroggen mit Kraut und Kartoffeln, die Salate, der Käse, Obst und Kuchen. Wenn wir auch sonst einfach leben, an Feiertagen muss geprasst werden! Einen Osterhasen gibt es in Russland übrigens nicht, die internationalen Konzerne haben diese Marktnische noch nicht erobert, es bleibt ein Fest in der Kirche und zu Hause, wie lange wohl noch?

Im Osten wird es schon heller, leider können wir kein Wasser von der Quelle holen, da sie letztes Jahr versiegte. Wir haben dafür geweihtes aus der Kirche mitgebracht, aber vermutlich nimmt es Nastja wieder zum Blumengießen wie letztes Jahr, vielleicht wachsen sie deshalb so schön?

Eigentlich wollte ich noch bis Sonnenaufgang wach bleiben, erfahre dann aber kurzfristig, dass ich morgen meine erste Fahrt mit dem Mikrobus machen muss, der Bazar findet in einem alten Dekabristendorf nahe des Baikals statt und ich muss mit meinem neuen russischen Führerschein vorher noch die Sachen von der Schule abholen, bevor es nach Talzi*) geht. Tja, Überraschungen gibt es einfach immer, ich bin gespannt wie die russischen Verkehrsregeln (wenn es denn welche gibt) auf mich wirken.

Talzy – Alt-Sibirien auf einen Blick (auf Rußland-Aktuell)


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